„Du bist zu nett zu deinem Hund“

Wenn ich sehe, dass Menschen ihren Hund scharf zurechtweisen, spreche ich sie darauf an und bekomme dann hin und wieder zu hören, dass Hundetrainer ihnen gesagt haben, sie seien „zu nett“ zu ihrem Hund. Sie versuchen diesen „Makel“ dann zu beseitigen, indem sie besonders unfreundlich und streng mit ihrem Hund umgehen.

Wieder einmal finde ich es unfassbar, was Hundetrainer mit ihren Bemerkungen so alles anrichten können, und mindestens ebenso unglaublich finde ich es, dass Menschen diesen Ratschlägen völlig gedankenlos und ohne Emotionen folgen, anstatt auf ihr Bauchgefühl zu achten.

Dabei ist so ein Spruch einfach nur unsinnig. Man kann überhaupt nicht zu nett zu seinem Hund sein. Hunde sind großartig, aufrichtig und liebenswert. Jeder Hund – selbst ein Hund wie meine verrückte Luzi, die mir regelmäßig mit ihren lautstarken Gefühlsausbrüchen den letzten Nerv raubt – hat es verdient, immer und jederzeit von seinem Menschen nett behandelt zu werden.

Was vermutlich mit dem Satz gemeint ist, ist etwas ganz anderes, nämlich „du bist nicht konsequent“. Das ist aber überhaupt nicht miteinander vergleichbar.

Inkonsequentes Handeln verwirrt Hunde. Ist etwas heute erlaubt, morgen verboten und übermorgen wird der Hund sogar aktiv dazu aufgefordert, dann folgert der Hund daraus, dass sein Mensch offenbar selbst nicht weiß, was er will. Und dann macht der Hund eben das, was er selbst möchte. Das ist in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Übrigen nicht anders. Das weiß ich sehr genau, denn ich war auch so ein Kind.

Mangelnde Freundlichkeit hingegen zerstört einfach nur die Vertrauensbasis zwischen Mensch und Hund. Nichts weiter. Ruppige Behandlung schafft Unsicherheiten und ein emotionales Ungleichgewicht. Das Einzige, was man damit erreicht, ist ein unglücklicher Hund. Und auch das kann man auf das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern problemlos übertragen.

Konsequent und gleichzeitig nett zu sein ist gar nicht schwer. Ich muss nur gewisse Regeln aufstellen und mich dann in erster Linie selbst daran halten. Nehmen wir mal ein Beispiel: Mein Hund soll nicht mit ins Bett. Nun bin ich aber krank oder mein Partner ist für ein paar Wochen nicht da, ich liege im Bett und fühle mich elend und einsam. Mein Hund sitzt vor mir und schaut mich an. Was mache ich? Na klar, ich hole meinen Hund zu mir ins Bett und wir kuscheln.

Das kann man machen, solange man sich der Tatsache bewusst ist, dass man in dem Moment seine eigene Regel gebrochen hat und von seinem Hund keinesfalls erwarten darf, dass er von nun an nie wieder ins Bett möchte. Dem Hund ist es natürlich völlig egal, dass in zwei Wochen sein Mensch wieder gesund ist und dessen Partner wieder seinen Platz im Bett beansprucht. Der Hund sieht nur, dass diese bisher immer aktive Regel nun aufgehoben wurde.

Konsequent zu sein bedeutet also in erster Linie, sich selbst im Blick zu haben und sich seiner eigenen Taten bewusst zu sein. Wenn ich dies jetzt tue, dann fasst mein Hund das soundso auf. Möchte ich das? Kann ich damit leben, dass sich unser Zusammenleben dadurch ändert und in Zukunft andere Regeln gelten? Oder möchte ich das nicht? Dann sollte ich mich nun tunlichst zusammenreißen und diese Regel nicht brechen.

Hunde sind sehr konsequent. Sie sind kooperativ und halten sich an einmal gelernte Regeln. Das ist eine wichtige Basis für ein stressfreies Zusammenleben im sozialen Verband. Aber im Gegenzug müssen wir fair sein und uns ebenso daran halten. Wenn wir die Regeln auflockern, dann dürfen wir von unseren Hunden nicht erwarten, dass sie sie weiterhin einhalten. Gleiches Recht für alle. So läuft das in einer Familie.

Und selbstverständlich funktioniert auch das Erlernen der Regeln ganz wunderbar mit viel Lob, Spiel und Spaß. Strafe ist gar nicht notwendig, denn jeder Hund, der neu in einen Haushalt kommt, versucht als Erstes herauszufinden, welche Regeln hier gelten. Er will und muss das wissen, damit er sich richtig verhalten und sich gut in die Familie einfügen kann. Wenn wir ihm auf liebevolle Weise beibringen, wie das Zusammenleben mit uns funktioniert, dann stärken wir gleichzeitig die wichtigste Basis für Alltag, Spiel und Training: Vertrauen.

Und jederzeit nett zu seinem Hund zu sein, das gehört selbstverständlich dazu.

(Inga Jung, Mai 2018)

 

 

 

 

Altenpflege, gute Laune und Leckerlis

Nun ist es schon März und ich sehe, dass ich seit Dezember kein Update für den Blog mehr geschrieben habe. Das hat einen ganz einfachen Grund: Mir fehlt die Zeit.

Meine alte Hündin Peppi ist inzwischen 14 Jahre alt geworden. Das ist ein wunderbares Geschenk. Ich habe viel Ahnenforschung betrieben und versucht, einiges über Peppis Verwandtschaft herauszubekommen. Leider sind sehr viele ihrer Verwandten nicht besonders alt geworden. Krebs, Herzprobleme und Epilepsie haben sie teilweise schon in recht jungen Jahren dahingerafft. Kaum ein Hund ist älter als 12 Jahre geworden.

Von Epilepsie sind Peppi und ihre Wurfgeschwister zum Glück verschont geblieben, in der Hinsicht war die Kombination ihrer Eltern eine gute Wahl. Aber das Herz und der Krebs sind auch bei ihnen eine ständige Bedrohung. Ihre Mutter starb mit 12 Jahren, ihr Vater wurde nicht ganz so alt, zwei ihrer Wurfgeschwister starben mit 11 Jahren, ihr Großvater mit 9 Jahren … und immer entweder das Herz oder der Krebs. Ich hatte daher nie zu hoffen gewagt, dass Peppi mehr als 12 Jahre schafft. Und jetzt ist sie 14.

Es waren allerdings keine 14 Jahre ohne Krankheiten. Wir haben schon ein paar lebensbedrohliche Situationen hinter uns, aber Peppi hat sich immer wieder durchgebissen und es geschafft, sich wieder aufzurappeln.

Inzwischen komme ich mir aber schon vor wie eine Altenpflegerin in Vollzeit. Mein Hund bekommt so viele Medikamente und Futterzusätze, dass ich schon überlegt habe, von drei auf vier Mahlzeiten aufzustocken, nur um die ganzen Mittelchen unterbringen zu können. Von den Kosten, die dafür monatlich anfallen, reden wir mal nicht.

Herz, Lunge, Nieren und Bauchspeicheldrüse arbeiten ohne Unterstützung nicht mehr ausreichend mit. Die Milz ist vergrößert, die Leber angegriffen … das gesamte System lässt langsam nach.

Stubenreinheit ist nicht mehr wirklich vorhanden, und beim Trinken wird der halbe Inhalt des Wassernapfes im Raum verteilt. Und wegen der Entwässerungstabletten trinkt Peppi andauernd. Es ist schon fast ein Vollzeitjob, hinter ihr her zu putzen.

Da ihr immer die Beine wegrutschen, wenn sie aus Näpfen frisst oder trinkt, die auf dem Boden stehen, haben wir die Wassernäpfe erhöht aufgestellt. Den Futternapf halte ich fest, während sie frisst. Das ist etwas zeitaufwändig, aber so kann ich zumindest direkt sehen, ob sie mit Appetit frisst, oder ob sie irgendwelche Probleme hat. Futterverweigerung ist bei ihr das Alarmzeichen Nummer eins.

Wegen ihrer Blindheit und Taubheit müssen wir immer aufpassen, dass nichts im Weg steht. Vor allem auf dem Spaziergang ist große Aufmerksamkeit geboten. Man muss sie um Mauern, Autos, Mülltonnen und tiefhängende Äste herumlenken, damit sie nicht dagegen läuft. Gräben, Löcher in der Wiese, Maulwurfshügel, Grasbüschel oder Treckerspuren im Acker sind gefährliche Hindernisse. Man muss immer ein paar Schritte vorausdenken, damit nichts passiert. Trotzdem stolpert Peppi oft, und manchmal fällt sie hin.

Doch es ist absolut bewundernswert, wie sie sich nach solchen Rückschlägen immer wieder aufrappelt und ihre positive Lebenseinstellung zurückgewinnt. Ein Leckerli als Trostpflaster reicht, und schon ist alles wieder in Ordnung. Sie hat so viel Freude am Leben und Spaß an der Freude, sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. Nie wird gejammert. Sie nimmt ihre Einschränkungen einfach so hin und macht das Beste draus. Jeden Tag aufs Neue.

Abends besteht sie auf ihrer Leckerlisuche. Da ist sie inzwischen auch sehr eingefahren. Während sie sich früher immer gefreut hat, wenn wir unterschiedliche Spiele gespielt haben, verwirrt sie das heute nur noch. Sie will Leckerlis suchen, und basta. Und wenn ich keine Leckerlis auslege oder ihr nicht schnell genug bin, dann fängt sie einfach so schon mal an zu suchen.

Im Alter hat Peppi, die sich früher niemals durchgesetzt und immer brav alles akzeptiert hat, einen eisernen Willen entwickelt. Wenn ihr etwas nicht passt, dann zappelt sie so lange herum, bis sie sich durchgesetzt hat. Bürsten zum Beispiel, oder Pfoten abtrocknen. Oder sich streicheln oder vom Tierarzt untersuchen lassen. Das mag sie nicht, und das macht sie auch deutlich, indem sie demonstrativ wegläuft oder herumbockt wie ein kleines Rodeopony. Sie weiß genau, was sie will. Und das versucht sie auch durchzusetzen.

Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber ich bin auch froh, dass sie so einen eisernen Willen hat, denn das zeigt mir, dass es ihr gut geht. Ich habe sie während ihrer schlimmen Krankheiten erlebt, z.B. bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung. Da war sie vor lauter Schmerzen so willenlos und hat kaum reagiert. Als es ihr besser ging und sie wieder anfing, deutlich zu machen, dass sie keine Lust auf die Tierarztpraxis hatte, war ich heilfroh.

Beim Tierarzt bin ich – mal mit, mal ohne Hund – natürlich inzwischen Dauergast. Allein zum regelmäßigen Abholen von Medikamenten und Behältern für Kot- und Urinproben.

Und Peppi ist natürlich nicht mein einziger Hund. Wir haben ja auch noch Luzi, und die ist alles andere als pflegeleicht. Gesundheitlich ist sie zwar besser aufgestellt, aber ihre Verhaltensauffälligkeiten sind immer noch ziemlich nervenaufreibend. Vor allem jetzt, in der Zeit zwischen Januar und März, die besonders anstrengend ist.

Ich bitte also um Verzeihung, wenn hier immer mal wieder ein paar Monate Funkstille einkehrt. Es gibt im Altenpflege-Alltag auch nicht so wahnsinnig viel zu berichten, was einen Blog-Artikel füllen würde. Es sind mehr die Kleinigkeiten, die den Tag bereichern.

Für mich hat meine Peppi jedenfalls die oberste Priorität, und alles andere kann warten. Ich beobachte sie jeden Tag. Wenn es ihr schlecht geht, leide ich mit ihr. Wenn sie gut drauf ist, hopsen wir zusammen durch die Gegend und ich freue mich über ihren unbändigen Lebenswillen. Sie hat noch immer so viel Spaß am Spielen und man kann ihr mit einem einfachen Stückchen Trockenfutter eine so große Freude machen …

Es ist wundervoll zu sehen, wie einfach Glück doch sein kann. Wir Menschen wollen immer die großen Dinge, die großen Gesten, Feuerwerk und Diamanten. Aber das ist doch alles egal.

Keine Schmerzen, eine ordentliche Portion Optimismus und Vertrauen, gute Laune und Leckerlis – das ist es, was man wirklich braucht. Das lehrt mich mein Hund jeden Tag.

(Inga Jung, März 2018)

 

 

Was macht eigentlich … mein Zappelhund?

Es ist ist inzwischen vier Jahre her, dass ich das Manuskript für mein zweites Buch „Zappelhunde. Vom Leben mit überaktiven Hunden“ abgeschlossen habe. Damals war meine Luzi fünf Jahre alt. Inzwischen ist sie neun und ich möchte ein kleines Resümee ziehen. Was hat sich in den letzten neun Jahren verändert? Was ist gleich geblieben? Wie lebt es sich mit der Zappeltante?

Luzi zog im Dezember 2008 bei uns ein, damals war sie etwa viereinhalb Monate alt. Im Nachhinein ein ungünstiger Zeitpunkt, denn während des Zahnwechsels sind sensible Hunde noch leichter zu beeindrucken, als ohnehin schon. Aber was soll’s – in Luzis ersten Lebensmonaten war bereits einiges schiefgelaufen, das einfach nicht mehr rückgängig zu machen war, und ich machte einfach das Beste draus. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem kann ich nur mein Buch „Zappelhunde“ ans Herz legen, in dem Luzis Geschichte einen zentralen Raum einnimmt.

Anfangs kam ich sehr oft an meine Grenzen. Luzi hatte Angst vor meinem Mann und lief immer vor ihm weg, was er mit einem beleidigten „dann eben nicht“ entgegennahm und sich darauf beschränkte, sie bei ihren zaghaften Annäherungsversuchen meist wegzuscheuchen. Ich konnte also von dieser Seite keinerlei Hilfe erwarten und stand mit diesem felligen kleinen Nervenbündel alleine da. Ich weiß noch, dass ich mir zu dieser Zeit sehr oft gewünscht habe, Luzi einfach mal nur für einen einzigen Tag in Betreuung zu geben und mal durchzuatmen. Aber das war schlicht unmöglich. Sie brachte mich so oft zur Verzweiflung, dass ich mit den Nerven häufig total am Ende war.

Das größte Problem war ihre Angst vor fremden Menschen, und wir wohnten in den ersten Jahren in einer Gegend, in der wir jeden Tag auf dem Spaziergang Menschen begegneten. Es war furchtbar anstrengend, immer auf der Hut zu sein und Luzi abzuschirmen, denn sobald sie sich bedroht fühlte (und dafür reichte ein einziger Blick eines Femden), ging sie zum Angriff über. Meine Aufgabe war es, das zu verhindern und sowohl Luzi, als auch den Passanten Sicherheit zu geben. Das hat nicht immer geklappt, aber im Laufe der Zeit machten wir Fortschritte, und nach eineinhalb Jahren begann Luzi mir endlich zu vertrauen. Von da an ging es schneller voran.

Wie ist es heute?

Wir leben jetzt seit sechs Jahren in einem sehr kleinen Dorf, und uns kommen nur selten Menschen entgegen. Die Straßen sind breit und es gibt keine Bürgersteige, auf denen wir uns an Passanten vorbeiquetschen müssen. Das alles kommt Luzi sehr entgegen und hat enorm zu ihrer Entspannung beigetragen.

Kommen uns Menschen ohne Hund entgegen, nehme ich Luzi natürlich weiterhin an die Leine, aber ich muss sie nicht mehr abschirmen oder besonders auf sie aufpassen. Im Nebel oder in der Dämmerung ist Luzi natürlich, rassetypisch, aufmerksamer als im hellen Sonnenlicht. Da muss ich ihr schon manchmal sagen, dass der einsame Mensch, der uns auf dem Weg entgegenkommt, keine Gefahr darstellt. Dafür haben wir unser Beruhigungswort „alles gut“, das ihr signalisiert, dass sie sich entspannen kann.

Manchmal, wenn auch selten, kommt es inzwischen sogar vor, dass Luzi einen Menschen auf Anhieb sympathisch findet und sogar zu ihm hin möchte und sich streicheln lässt. Das gleiche Phänomen gibt es übrigens auch bei Hunden. Die meisten Hunde hasst sie wie die Pest, aber manchmal, ganz selten, gibt es Hunde, die sie einfach toll findet. Und die haben bei ihr dann auch Narrenfreiheit. Aber nur diese Hunde. Sonst keiner. Damit das klar ist. Ein echter Charakterhund verteilt seine Sympathien sehr gezielt.

Hier auf dem Dorf gibt es auch ein paar Leute, die glauben, sie könnten sich die Freundschaft meines Hundes mit Leckerlis erkaufen. Aber da liegen sie bei Luzi falsch. Sie nimmt zwar das Leckerli an, aber das hält sie nicht davon ab, diese dreisten Menschen, die sich ihr ungefragt genähert haben, danach dann noch ordentlich zu verbellen, damit die bloß wieder weggehen. So einfach kriegt man Luzi nicht, da muss man schon überzeugender sein.

Nach wie vor bin ich für Luzi das Maß der Dinge. Menschen, die ich mag und mit denen ich mich gern unterhalte, sind auch für Luzi okay. Wenn mich jemand anspricht und ich gerade keine Lust auf eine Unterhaltung habe, spürt Luzi das sofort und betrachtet denjenigen mit Misstrauen. Es kann auch sein, dass sie dann leise knurrt.

Wie steht es nun um die Zappelei?

Das Schöne am Dorfleben ist, dass ein bellender Hund niemanden stört. Unser Nachbar sagte mal: „Wenn ein Hund hier nicht bellen darf, wo darf er das dann?“ Das war für mich eine große Erleichterung, denn es nahm mir den Druck. Versucht man nämlich, mit Luzi irgendwas schnell umzusetzen, dann geht das garantiert nach hinten los. Sie spürt sofort, dass man unter Zeitdruck steht, und dann rastet sie erst recht aus. Alles, was man mit Luzi macht, sollte so entspannt und ruhig wie möglich geschehen, dann klappt es am besten. Das ist nach wie vor so.

Luzi ist ganz und gar kein Dauerkläffer, aber wenn sie sich aufregt, dann ist ihr Kreischkläffen dafür umso unerträglicher. Mein Mann und ich machen oft Witze darüber, dass unsere alte Hündin Peppi bestimmt nur deswegen taub geworden ist, weil sie Luzis Geräuschkulisse nicht mehr ertragen hat. Manchmal bin ich da auch richtig neidisch auf sie.

Inzwischen können wir den Spaziergang einigermaßen ruhig starten, indem ich sofort nach dem Verlassen des Hauses in der Einfahrt Leckerlis werfe, nach denen Luzi sucht. Dadurch kann ich ihre Aufregung umlenken. Das klappt sehr gut – es sei denn, es ist irgendwas anders als sonst. Wenn zum Beispiel einer der Nachbarshunde auf der Straße unterwegs ist, oder wenn am Wochenende mein Mann mit auf den Spaziergang kommt, dann ist das für unsere kleine Autistin wieder zu viel Veränderung, und sie fängt mit ihrem ohrenbetäubenden Gekreische an. Ja, auch jetzt noch, im Alter von neun Jahren. Ich fürchte, das wird nie aufhören.

Wenn ihr irgendwas nicht schnell genug geht, äußert sie das nach wie vor in allen möglichen Tonlagen. Gehen wir nicht schnell genug Gassi, wird die Terrassentür nicht schnell genug geöffnet, steht der Futternapf nicht schnell genug auf dem Boden, kommt einer von uns nicht schnell genug von der Arbeit nach Hause (auch wenn der andere zu Hause ist, das ist völlig egal), sogar wenn wir nach dem Abschalten des Fernsehers nicht schnell genug ins Bett gehen – alles wird von Luzis Gewinsel und Gejaule begleitet. Ich sage oft, Luzi ist eine typische Deutsche: Egal, wie gut es ihr geht, sie hat immer was zu jammern.

Kennen Sie das Placebo-Cover des Songs „Where is my Mind“ von den Pixies? Ich mache oft Witze darüber, dass Luzi und ich damit als Duett auftreten könnten. Sie beherrscht das begleitende „Uuuuhuuuh“ perfekt und hat sogar die exakte Tonlage drauf. Ich kann mir Luzi ohne ihr tägliches Gejammer und Genörgel gar nicht mehr vorstellen. Wenn sie damit mal aufhören sollte, ist sie bestimmt krank.

Fahren wir zum Gassigehen irgendwohin, dann wird diese Fahrt stets von Luzi lautstark kommentiert. Sie fängt mit leisem Gewinsel an und steigert sich über Jaulen bis hin zu hysterischem Getriller, das einem verrückt gewordenen Kanarienvogel ähnelt. Man muss sie dabei tatsächlich verbal unterbrechen, sonst wird sie immer hysterischer und kann sich irgendwann selbst nicht mehr stoppen. Nach der Unterbrechung maunzt sie wie ein todtrauriges Kätzchen, bevor sie dann wieder mit ihrer Jaul-Tirade beginnt.

Die Rückfahrt dagegen ist immer angenehm ruhig. Wenn sie weiß, dass es nach Hause geht, gibt es für Luzi keinen Grund zur Aufregung, und sie entspannt sich.

Seit ein paar Jahren ist Luzi zu Hause sogar in der Lage, sich selbstständig nach oben ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Das ist ein großer Fortschritt, nachdem sie mich in der Anfangszeit immer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, und ich freue mich sehr darüber.

Wenn sie oben schläft, ist sie aber trotzdem ständig mit einem Ohr wach. Gehe ich abends ins Badezimmer und öffne meine Zahnpastatube, bewegt Luzi sich nicht. Öffne ich aber ihre Zahnpastatube, dann kommt sie sofort angerannt. Selbst oben im ersten Stock hört sie genau den Unterschied.

Luzi ist auch nach wie vor absolut kuschelverrückt und lässt sich durch Massage und Streicheleinheiten wunderbar beruhigen. Sie liebt vor allem ihre Wellnessmassage, bei der ich oben in der Mitte des Kopfes beginne und dann die gesamte Wirbelsäule runter massiere. Das fordert Luzi täglich ein, indem sie sich in der passenden Haltung vor mich setzt. Und ich merke, wie gut es ihr tut und wie es zu ihrer Entspannung beiträgt. Bei einem so verrückten Hund wie Luzi darf man solche Chancen niemals ungenutzt lassen.

Alles in allem ist unser Leben inzwischen gut eingespielt. Der Alltag läuft wunderbar. Wir kennen Luzis Macken und kommen damit zurecht, und solange nichts Ungewöhnliches passiert, ist es auch lange nicht mehr so schlimm wie früher.

Was wir uns mit Luzi abschminken können, sind Ausflüge und Urlaubsreisen. Wer mit Luzi etwas unternimmt, was vom Alltag abweicht, der ist schlicht und einfach selbst schuld, wenn er am Ende des Tages mit einem Trommelfellschaden, Schulterschmerzen und einem gereizten Nervenkostüm dasteht.

Vor zwei Jahren waren wir das letzte Mal im Urlaub (in einem abgelegenen Ferienhaus, etwas anderes ist mit Luzi völlig undenkbar) und haben von dort aus einen Ausflug in den Bärenwald Müritz gemacht, der der Tierschutzstiftung Vier Pfoten angehört. Luzi hat vom Rausspringen aus dem Auto bis zum Eingang des Bärenwaldes den gesamten Parkplatz und Vorplatz derartig zusammengeschrien, dass die Menschen entsetzt in alle Richtungen weggestoben sind und uns angeschaut haben, als würden wir dem Hund den Bauch aufschlitzen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn genauso hört sich das auch an.

Mein Mann wollte schon umdrehen und wieder fahren, aber ich wollte unbedingt den Park sehen, und nach einer Viertelstunde hatte Luzi sich dann auch wieder so weit im Griff, dass sie nur noch in die Leine gesprungen und daran gezerrt hat. Und glauben Sie mir, im Gegensatz zu dem Gekreische ist das eine geradezu angenehme Alternative.

Obwohl uns Luzis Verhalten ohne Ende Nerven kostet, denke ich, dass es für sie selbst sogar etwas Positives ist. Sie ist sehr stressanfällig und nimmt neue Reize ungefiltert auf. Das belastet sie sehr. Dadurch, dass sie diese Belastung aber sofort in Aktivität (Rennen, Springen, uns in die Arme beißen) und Gekreische umsetzt, schadet ihr das nicht. Das ist ihre Art, den Stress direkt wieder loszuwerden. Und das ist aus ihrer Sicht absolut effektiv.

Luzi ist der gesündeste Hund, den ich jemals hatte. Sie ist jetzt neun Jahre alt, und abgesehen von Impfungen und kleinen Pfotenverletzungen hatte ich noch niemals einen Grund, mit ihr zum Tierarzt zu fahren. Körperlich ist sie kerngesund. Geistig – naja, Sie wissen schon … Meine Vermutung ist, dass ihr gutes Immunsystem viel damit zu tun hat, wie sie mit Stress umgeht. Ihr Gezappel und Geschrei wirkt wie ein Blitzableiter, und so kann der Stress ihr nicht schaden.

Dass sie unsere Nerven damit teilweise überstrapaziert, ist natürlich etwas anderes, aber darüber denkt ein Hund ja nicht nach. Das wäre nun wirklich zu viel verlangt.

(Inga Jung, Dezember 2017)

„Protestpinkeln“

Ich bekomme hin und wieder Anrufe von Menschen, deren Hund unsauber ist. Die Hunde setzen Kot oder Urin ausschließlich oder ab und zu in der Wohnung ab – manchmal sogar auf dem Sofa oder dem Bett der Bezugsperson.

Sehr schnell heißt es dann aus dem Bekanntenkreis und – was ich persönlich besonders erschreckend finde – sogar aus dem Mund des behandelnden Tierarztes, der es eigentlich besser wissen sollte: „Das macht der Hund aus Protest, er ist aufmüpfig, er will euch heimzahlen, dass ihr ihn für eine Stunde allein gelassen habt …“

Dies aber ist eine absolut menschliche Sichtweise. Nur Primaten, die wir alle schließlich sind, kommen auf die Idee, aus Protest irgendwo Kot abzusetzen – die Steigerung dessen wäre noch, damit zu werfen, was einige unserer Verwandten in Zoos manchmal auch tun.

Nein, lösen wir uns von diesem menschlichen Denken und versetzen wir uns in die Psyche des Hundes. Einem Hund ist es grundsätzlich zuwider, seinen engeren Lebensraum zu verschmutzen. Wenn er es irgendwie vermeiden kann, wird ein Hund nicht die eigene Wohnung verunreinigen. Viele Hunde nutzen dafür noch nicht einmal den eigenen Garten, selbst wenn der Besitzer dies gern hätte, weil sie das als unhygienisch empfinden. Hunde sind sehr darauf bedacht, vor allem ihren Kot an Stellen zu platzieren, die nicht zum Wohnbereich gehören. Es sei denn, sie können nicht anders.

Das heißt: Wenn wir einen Hund vor uns haben, der die Wohnung beschmutzt, dann müssen wir uns nicht fragen, wen er damit ärgern will, sondern wir müssen uns fragen, warum er nicht anders kann.

Als Erstes heißt es hier, organische Ursachen auszuschließen. Denn wenn ein Hund inkontinent ist, kann er den Urin einfach nicht halten und wird diesen überall in der Wohnung verlieren. Da hilft das beste Training nichts. Es gibt auch Erkrankungen, die die Funktionalität des Schließmuskels einschränken, in dem Fall wird der Hund unkontrolliert Kot verlieren. Hat man dann einen Tierarzt wie den oben erwähnten, der einen grinsend mit dem Hinweis auf „Protestkacken“ wieder nach Hause schickt (alles schon bei Kunden erlebt), dann gibt es nur eines, was man tun kann: dringend den Tierarztwechseln!

Sind organische Ursachen ausgeschlossen, dann müssen wir uns die Psyche des Hundes ansehen. Viele Hunde, die unsauber sind, haben Angst, sich draußen zu erleichtern. Oder sie sind draußen zu aufgeregt und abgelenkt. Oder beides.

Vor allem wenn der Hund sich auf dem Bett oder dem Lieblingsplatz seiner Bezugsperson erleichtert, ist das ein starkes Indiz dafür, dass er nach Sicherheit und Geborgenheit sucht. Das ist ein Hilferuf und muss von uns als solcher erkannt werden.

Denn man muss sich vor Augen halten, dass ein Hund gerade im Moment des Kotabsetzens sehr angreifbar ist. Daher wird er das nur tun, wenn er sich sicher fühlt. Viele Hunde, die aus schlechten Verhältnissen stammen, zeigen diese Probleme. Ist ein geschlossener Garten vorhanden, gehen sie meist dorthin. Ist dies aber nicht der Fall, dann fühlen sie sich gezwungen, dies in der Wohnung zu erledigen. Auch für die Hunde ist dies sehr belastend, denn sie möchten eigentlich nicht ihren Wohnbereich verschmutzen. Strafe wäre absolut unangebracht und kontraproduktiv. Stattdessen gilt es herauszufinden, warum der Hund sein Geschäft nicht draußen erledigen kann, und ihm zu helfen.

Und als Letztes gibt es natürlich noch den Rüden, der in der Nachbarschaft von läufigen Hündinnen umgeben ist und so von Hormonen überquillt, dass er anfängt, in der Wohnung zu markieren. Auch das kommt selbstverständlich vor.

Ebenso ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Rüde, der die Wohnung einer Hündin betritt, dort markiert. Oder eine ältere Hündin, die die Wohnung einer jüngeren Hündin betritt.

Das Markierverhalten fällt allerdings nicht in den Bereich Unsauberkeit, sondern das ist Normalverhalten, welches man durch ein bisschen eigene Aufmerksamkeit gut in den Griff bekommt.

(Inga Jung, verfasst Ende November 2013)

 

 

Ich gehe raus in die Natur – und komme mit einer Tüte Müll zurück

Wir sind vor etwa sechs Jahren raus aufs platte Land gezogen. Hier gibt es kilometerweit nur Felder, Wiesen und Massentierhaltungsställe.

Gut, Letzteres täglich zu sehen ist eher unschön, aber ich betrachte es als stete Mahnung, mit meinem Kampf gegen die Ausbeutung der Tiere nicht aufzuhören. Wenn man das Leid jeden Tag vor Augen hat, dann läuft man wenigstens nicht Gefahr, es im Alltagsstress irgendwann zu vergessen.

Nun gehe ich jeden Tag mit meinen Hunden raus in die Felder. Ich sehe dort Kiebitze und Feldlerchen, Rebhühner und die verschiedensten Raubvögel. Rehe, Hasen, Kaninchen, Wiesel und manchmal auch einen Fuchs. Obwohl kaum ein Fleckchen Erde nicht in irgendeiner Form landwirtschaftlich genutzt und stetig umgestaltet wird, fühlen sich viele Tiere hier heimisch, und manche von ihnen gehören inzwischen zu den seltenen Arten.

Umso weniger verstehe ich, warum die einheimische Bevölkerung so sorglos mit dieser vielfältigen, wunderschönen Natur umgeht.

Es ist hier beispielsweise üblich, den Motor des Traktors oder Pick-ups laufen zu lassen, während man sich mit jemandem auf der Straße unterhält. Auch wenn man in einem Haus verschwindet, um dort einer Einladung zum Kaffee zu folgen, lässt man das Auto draußen fröhlich vor sich hin tuckern. Ich habe sogar schon Trecker mit laufendem Motor auf der Straße stehen sehen, ohne dass auch nur weit und breit in Mensch zu sehen war.

Luftverschmutzung ist hier offenbar noch ein Fremdwort. Klimaschutz ebenso. Man lebt, wie man vor 50 Jahren gelebt hat, als auch das Rauchen noch gesund war (zumindest den damaligen Werbeslogans zufolge). Sogar das Gassigehen mit dem Hund erledigt man hier mit dem Auto. Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschen sich von der Natur umso mehr entfremden, je mehr sie davon zur Verfügung haben.

Wobei man hier von sauberer Luft ohnehin nicht sprechen kann, weil in der Gemeinde drei Hühnermastbetriebe ansässig sind, deren insgesamt etwa 360.000 Hühner mit ihrem Kot die Feinstaubbelastung der Gegend ordentlich in die Höhe treiben.

Aber was mich am meisten ärgert und mir völlig unverständlich ist, das ist diese Art der Menschen, ihren Müll einfach in die Gegend zu werfen. Als sei die Natur eine einzige große Müllkippe.

Ich habe bei meinen Spaziergängen ohnehin immer Hundekotbeutel dabei, und regelmäßig sammele ich Kaffeebecher mit Plastikdeckel, leere Dosen, Zigarettenkippen, Zigarettenschachteln inklusive Plastikfolie, Bonbonpapier, Plastikverpackungen von Schokoriegeln und allen möglichen weiteren Müll ein und komme dann mit einer vollen Tüte nach Hause.

Am meisten habe ich mich einmal geärgert, als ein Autofahrer am Wegesrand seinen kompletten Aschenbecher ausgeleert hatte. Neben dem Berg Zigarettenstummel lagen zur Vervollständigung auch noch eine leere Zigarettenpackung und ein Coffee- to-go Becher.

Muss das sein? Wer tut sowas?

Meine einzige Erklärung ist hier tatsächlich ein Mangel an Erziehung. Meine Eltern haben sicher nicht alles richtig gemacht, aber das muss ich ihnen lassen: Sie haben mir ausdrücklich erklärt und vorgelebt, dass man nichts, was nicht innerhalb von zwei Tagen von selbst verrottet, in die Natur wirft. Und auch nicht auf die Straße in der Stadt. Egal, ob dort die Straßenreinigung herumfährt und es wieder aufsammelt, so etwas tut man einfach nicht. Seinen Müll hat man mitzunehmen, bis man einen Mülleimer findet. Punkt. Keine Diskussion.

Machen Eltern so etwas heutzutage nicht mehr? Ist Umweltschutz aus der Mode gekommen?

Dabei sehe ich den Müll ja nicht nur hier bei uns in den Feldern. Insbesondere Autobahnausfahrten scheinen in den Augen mancher Menschen spezielle Entsorgungsstellen für den Verpackungsmüll bestimmter Fast Food Ketten zu sein. Man kann diesen aber stattdessen auch einfach mitten auf der Straße aus dem Auto werfen. Am besten direkt vor ein auf der Nebenspur fahrendes Auto (kein Witz, ist mir wirklich schon passiert).

Meine Eltern wohnen mitten im Wald, und als sie noch einen Hund hatten, ist mein Vater auch regelmäßig mit einer Plastiktüte losgezogen, um den Müll, der im Wald herumlag, einzusammeln. Anderes Bundesland, aber offenbar die gleiche sorglose Mentalität…

Wenn irgendjemand auf die Idee kommt, Möbelstücke oder Bauabfälle irgendwo in der Pampa abzulegen, was hier mit schöner Regelmäßigkeit passiert, dann entwickelt dieser Ort sofort eine magische Anziehungskraft auf andere Leute, die auch irgendwelchen Müll loswerden wollen. Und innerhalb weniger Tage liegt dort ein großer Haufen von Dingen, die keiner mehr haben will.

Und das, obwohl der nächste Recyclinghof gerade mal zehn Kilometer entfernt ist, jeder eine eigene Mülltonne besitzt, und auch noch regelmäßig kostenfrei Sperrmüll abgeholt wird. Es gibt zig Möglichkeiten, seinen Müll auf legale Weise korrekt zu entsorgen, ohne ihn einfach in die Natur zu werfen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Ist es auch nicht. Das Problem ist einfach die Scheißegal-Haltung der Menschen. Und ihre grenzenlose Dummheit. Denn sie begreifen nicht, dass sie ihre eigene Lebensgrundlage zerstören, wenn sie die Natur zerstören.

Das bisschen Abgas… das bisschen Plastik… der eine Kaffeebecher… was macht das schon?

Ende März 2016 lebten laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 82,3 Millionen Menschen. Jetzt stellen wir uns mal vor, dass jeder dieser Menschen eine einzige Zigarettenkippe wegwirft. Und diese Kippen bilden einen Haufen. 82,3 Millionen Zigarettenkippen. Wird Ihnen auch gerade übel?

Ja, ich weiß, in dieser Zahl sind auch Kinder und Nichtraucher enthalten. Aber zum Ausgleich gibt es auch so manche Raucher unter uns, die täglich 20 Zigarettenkippen in die Natur werfen, insofern finde ich dieses Bild doch gar nicht so unpassend. Und es wird schließlich noch viel mehr Müll achtlos in die Gegend geworfen, wir reden hier nicht nur von Kippen.

Ich glaube, es schadet uns allen nicht, wenn wir öfter mal über das, was wir tagtäglich tun, nachdenken. Wenn wir mal schauen, ob wir nicht durch eine Anpassung unserer Gewohnheiten ein klein wenig dazu beitragen können, dass dieser Planet noch etwas länger durchhält, trotz der unaufhaltsam wachsenden menschlichen Bevölkerung, die ihn immer mehr verdreckt.

(Inga Jung, September 2017)

Buchtipp: „Hab keine Angst, mein Hund“

Neulich habe ich das Buch „Hab keine Angst, mein Hund. Ängste bei Hunden erkennen und abbauen“ von Rolf C. Franck und Madeleine Grauss (inzwischen Madeleine Franck) wiederentdeckt. Das Buch ist aus dem Jahr 2008 und somit schon etwas älter, aber immer noch absolut aktuell und wirklich empfehlenswert.

Zu Beginn gehen Rolf und Madeleine auf den biologischen Sinn von Ängsten und auf ihre Entstehung ein. Sie beschreiben, was enorm wichtig ist, dass Angst immer mit Erregung einhergeht. Und je stärker die Erregung ist, desto heftiger die Angst. Und desto schwieriger ist es, den Hund noch zu erreichen. Das heißt, an der Angst muss immer in den Situationen gearbeitet werden, in denen die Erregung des Hundes noch nicht so stark ist, in denen er noch ansprechbar ist. Versucht er schon zu fliehen oder anzugreifen, dann ist die Angst zu heftig und keine Arbeit an dem Verhalten mehr möglich.

Es wird gezeigt, was man auf keinen Fall tun sollte, zum Beispiel die Angst des Hundes ignorieren oder ihn zwingen, sich dem Angstauslöser zu nähern. Beides schadet dem Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Hund und verstärkt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Angst.

Auch dass der Hund ein sicheres Umfeld zu Hause braucht, in dem er sich wohl fühlt und seine Bedürfnisse erfüllt werden, wird nicht vergessen. Ebenso dass der Mensch immer der „sichere Hafen“ sein muss, zu dem der Hund sich voller Vertrauen flüchten kann und darf.

Dann geht es weiter mit den Trainingstechniken, die in den verschiedenen Situationen hilfreich sind. Dabei werden typische Ängste und dafür geeignete Trainingstechniken beschrieben. Alles natürlich gewaltfrei und auf das Tempo des einzelnen Hundes abgestimmt.

Mir persönlich kommt nur eine einzige Sache in diesem Buch etwas zu kurz, nämlich dass man als Mensch an sich selbst arbeiten muss. Jeder, der mal mit einem ängstlichen, reaktiven Hund unterwegs war, kennt das: Man sieht oder hört den Auslöser der Angst und denkt unwillkürlich „oh nein!“. Das wiederum zieht körperliche Reaktionen nach sich, der Herzschlag beschleunigt sich, man bewegt sich anders, man wird nervös, man nimmt die Leine kürzer und so weiter.

Das ist ganz normal. Aber man macht es dem Hund dadurch unnötig schwer, denn wie soll er denn gelassen auf einen Angstauslöser reagieren, wenn sein Mensch ebenfalls Schweißausbrüche bekommt? Das bedeutet: Ich muss an mir arbeiten. Ich muss lernen, tief durchzuatmen und mich bewusst zu entspannen, um meinem Hund zu helfen.

Jeder kann das. Und wenn man das erst einmal gelernt hat, dann hilft es einem auch in vielen anderen aufregenden Situationen, zum Beispiel im Job, weiter. Es lohnt sich also doppelt, sich auch mit sich selbst und seinen eigenen Reaktionen auseinanderzusetzen und nicht immer nur auf den Hund zu schauen.

Von diesem einen Punkt abgesehen, finde ich das Buch absolut gelungen. Es ist durch die vielen Erläuterungen und praktischen Beispiele eine große Hilfe für Menschen mit Hunden, die ihr Heil bisher in Flucht oder Angriff gesucht haben und ihre Ängste nun langsam abbauen sollen.

(Inga Jung, Juli 2017)

 

Das Gefühlsleben der Insekten

Ich las neulich in einer Zeitschrift, in der es um veganes Leben und Tierschutz ging, wie ein Veganer meinte, er hätte kein Problem damit, Insekten zu essen, denn diese verspürten keinen Schmerz. In der Tat bildet sich gerade eine ganze Industrie, die sich damit beschäftigt, wie man Insekten als Nahrungsmittel züchten und vermarkten kann. Kein Witz. Es ist ja bekannt, dass die menschliche Überbevölkerung in gar nicht so ferner Zeit nicht mehr überleben kann, wenn die Menschen ihren Fleischkonsum nicht einschränken. Aber statt sich auf Pflanzen, Obst und Gemüse zu konzentrieren, die alles enthalten, was der Mensch braucht, werden jetzt absurderweise Insekten als „Fleischersatz“ herangezogen.

Wenn jemand einfach so in die Welt hinausposaunt, Insekten fühlten keinen Schmerz, kann ich mich einfach nicht beherrschen. Ich muss das hinterfragen. – Ja, ich weiß, das ist eine Eigenart, mit der ich meiner Umgebung gehörig auf die Nerven gehen kann, aber irgendwer muss solche Fragen schließlich stellen. Denn ich bin der Meinung, dass man über etwas so Persönliches wie Schmerz nur Bescheid wissen kann, wenn man es selbst erlebt hat. Schon allein von Mensch zu Mensch gibt es doch einen großen Unterschied in der Definition von Schmerz. Was der einen nur ein leises „Autsch“ entlockt, veranlasst den anderen, die gesamte Nachbarschaft zusammenzuschreien.

Das Problem bei der ganzen Sache ist doch: Wir sind keine Insekten, sondern Menschen. Das heißt:

Wir wissen es einfach nicht.

Nun kommen die Forscher an und sagen, Insekten haben kein mit dem Unseren vergleichbares Nervensystem. So weit so gut.

Aber nur weil es uns nicht ähnelt, kann es doch trotzdem irgendetwas in der Art geben, oder? Es müssen ja nicht dieselben Gefühle sein, die wir fühlen. Aber vielleicht empfinden Insekten etwas anderes, ebenfalls Unangenehmes, wenn die Fliegenklatsche sie erwischt. Woher wollen wir so genau wissen, dass dem nicht so ist?

Ich mag zum Beispiel Spinnen. Spinnen dürfen bei mir im Haus leben, bis sie eine gewisse Maximalgröße erreicht haben. Wenn das der Fall ist, dann nehme ich ein Glas und eine Postkarte und setze sie behutsam nach draußen, wo sie weiterleben dürfen.

Bei dieser Aktion berühre ich zwangsläufig die Spinnenbeine mit der Postkarte – und die Spinne reagiert. Jede Spinne tut das. Sie erstarren, sie zucken zurück, sie versuchen zu fliehen … Mit anderen Worten: Sie spüren die Berührung. So sehr ich mich auch bemühe, ich finde keine andere Erklärung für ihre Reaktionen.

Aber wenn sie Berührungen spüren können, wie kann man dann behaupten, sie würden nichts empfinden?

Es ist noch gar nicht so lange her, da behaupteten Menschen, dass die Schmerzensschreie eines bei lebendigem Leib aufgeschlitzten Hundes nichts anderes seien als mechanische Reaktionen, wie das Quietschen eines nicht geölten Rades.

Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei und jeder weiß inzwischen, dass Hunde Schmerzen empfinden wie wir.

Bei Nutztieren scheint es aber immer noch Menschen zu geben, die ihnen sämtliche Gefühle absprechen wollen. Es sind ja „nur Nutztiere“ – geboren, um für uns Menschen zu sterben. Da ist der Gedanke daran, dass sie leiden, doch eher unbequem. Wer will schon so genau wissen, was für Gefühle, Gedanken und Hoffnungen das Steak auf dem Teller noch vor ein paar Monaten hatte …? Das verdirbt einem doch bloß den Appetit.

Und es gibt sogar heute noch sogenannte „Sport-Angler“, die nach wie vor an der Behauptung festhalten, Fische hätten kein Schmerzempfinden. Damit beruhigen sie ihr Gewissen und müssen sich keine Vorwürfe machen, wenn sie den schwer verletzten Fisch wieder ins Wasser werfen. Schließlich haben sie ihn nicht getötet, wie edel … Dabei wurde bereits vor vielen Jahren in völlig unnötigen und tierquälerischen Versuchen eindeutig nachgewiesen, dass Fische ebenso Schmerzen empfinden wie wir Säugetiere.

So. Und jetzt kommt der Mensch und spricht den Insekten die Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden, ab. Wenn man sich mal vor Augen führt, wie oft wir uns in dieser Hinsicht im Laufe unserer ruhmlosen Geschichte schon geirrt haben, dann möchte ich diese Behauptung zumindest nicht unkommentiert im Raum stehen lassen. Denn ich glaube nicht, dass irgendjemand schon mal ein Insekt nach seiner Meinung zu diesem Thema gefragt hat.

Wir Menschen neigen trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse immer noch dazu, uns selbst als den Nabel der Welt und das wichtigste Tier auf dem Planeten zu betrachten. Und das obwohl wir inzwischen wissen, dass die menschliche Existenz im Vergleich zur Erdgeschichte gerade mal eine Winzigkeit ausmacht und wir es, wenn wir so weitermachen, vermutlich noch schneller als die Dinosaurier schaffen, von diesem Planeten wieder zu verschwinden. Nur die Verwüstung, die wir hinterlassen, wird sehr viel größer sein als die damalige.

Wer jemals zwischen Pflastersteinen Unkraut gejätet und dabei eine gesamte Ameisenkolonie in helle Aufregung versetzt hat, der kommt doch gar nicht umhin, darüber nachzudenken, was wohl in den Köpfen dieser kleinen Wesen vorgeht und wie ihr Leben aus ihrer Perspektive aussieht. Es hätte den Film „Antz“ niemals gegeben, wenn sich nicht noch mehr Menschen in ganz ähnlichen Gedanken verlieren würden. Ebensowenig hätte die „Biene Maja“ das Licht der Welt erblickt.

Unsere menschliche Arroganz ist grenzenlos, und sie macht uns blind. Aber glücklicherweise haben wir unseren Verstand und somit die Möglichkeit, über unsere Handlungen nachzudenken. Ich jedenfalls bin sehr vorsichtig geworden, was Insekten betrifft, denn vielleicht ist ihre Welt doch sehr viel umfangreicher, als wir mit unserer beschränkten menschlichen Sichtweise es je erahnen könnten.

Insekten sind faszinierend, und sie sind anders als wir. Aber wissen wir wirklich, dass sie keine Schmerzen oder irgendwelche ähnlichen Gefühle kennen? Wissen wir das? Vielleicht ja. Vielleicht nein. Seien wir lieber vorsichtig mit Behauptungen über Dinge, von denen wir einfach viel zu wenig verstehen.

(Inga Jung, Juni 2017)

Buchtipp: „Medical Training für Hunde“

Es wird Zeit für eine Wiederaufnahme der Buchtipps:

Heute möchte ich das ganz wundervolle und rundum gelungene Buch „Medical Training für Hunde. Körperpflege und Tierarztbesuche vertrauensvoll meistern“ von Anna Oblasser-Mirtl und Barbara Glatz vorstellen.

Es wird zunächst beschrieben, wie Hunde eine unter Zwang durchgeführte Dusche, Schur oder das Krallenschneiden empfinden und dass sie dabei oft in enormen Stress geraten, bis hin zu Angstzuständen, weil sie einfach nicht wissen, was der Mensch mit ihnen vorhat.

Dabei ist es gar nicht so schwer, einem Hund Schritt für Schritt zu zeigen, was man tun möchte, und ihn sogar aktiv mitwirken zu lassen. Diese aktive Gestaltungsmöglichkeit gibt dem Hund Sicherheit und das gute Gefühl, dass ihm nichts Schlimmes geschehen wird.

In diesem kleinen Büchlein werden nun zahlreiche Situationen beschrieben und sehr praxisnahe, in kleinen Schritten aufgebaute Trainingstipps gegeben. Beispielsweise kann der Hund lernen, seinen Kopf auf den Schoß des Menschen zu legen und dort zu lassen, während seine Ohren untersucht werden. Oder er lernt, auf eine Matte zu treten und dort stehen zu bleiben, während er vom Tierarzt geimpft wird.

Dabei hat er stets die Möglichkeit, dieses Verhalten zu unterbrechen und dadurch eine Pause einzufordern, wenn es zu viel für ihn wird. Damit das in der realen Anwendung beim Tierarzt nicht geschieht, muss das gesamte trainierte Verhalten sorgfältig generalisiert werden.

Wer jetzt tief durchatmet, dem sei gesagt: Ja, stimmt, das ist eine ganze Menge Arbeit. Aber was ist diese Arbeit schon, wenn man im Gegenzug einen Hund bekommt, der sich beim Tierarzt vertrauensvoll und ruhig untersuchen lässt, sich freiwillig auf dem Röntgentisch in die Seitenlage legt und zum Blutabnehmen sogar die Pfote reicht? Was für ein Traum!

Dafür ist allerdings auch ein kooperativer Tierarzt vonnöten. Um die Abläufe trainieren und den Hund optimal vorbereiten zu können, muss man sich vorher die genaue Information vom Tierarzt holen, was denn eigentlich gemacht wird. Und das ist meiner Erfahrung nach nicht so einfach. Da trainiert man beispielsweise das Blutabnehmen an der Vorderpfote, und dann besteht der Tierarzt auf einmal darauf, am Hinterlauf Blut abzunehmen. Oder es wird vorher gesagt, dass für die Ultraschalluntersuchung nur der Bauch rasiert sein muss und der Hund dabei stehen darf, aber in der Praxis stellt sich heraus, dass doch eine Rasur des Brustkorbs nötig ist und der Hund liegen muss. Dann ist alles Training auf einmal für die Katz.

So etwas darf nicht passieren, daher sind das Vertrauensverhältnis zum Tierarzt und die Verlässlichkeit seiner Aussagen hier ebenso wichtig wie das fleißige Trainieren.

Ebenso muss der Tierarzt einverstanden sein, dass man auch bei ihm in der Praxis übt, denn sonst ist eine ausreichende Generalisierung nicht möglich.

Das Buch gibt aber nicht nur Tipps für Tierarztbesuche, sondern auch für all die Dinge, die man selbst zu Hause machen kann: vom Krallenschneiden über die Ohrenpflege und das Zähneputzen, bis hin zum Fiebermessen und dem Verbinden von Verletzungen sowie dem Duschen des Hundes und dem Scheren des Fells und noch weiteren Alltagssituationen. All das wird früher oder später in einem Hundeleben mal benötigt, und es ist sinnvoll, es mit dem Hund zu üben, damit er freiwillig und gern mitarbeitet.

Wer sich unter den Beschreibungen der Trainingsschritte im Text nicht genug vorstellen kann und das Ganze gern einmal in der Praxis sehen möchte, der findet im Anhang des Buches auch noch einige Video-Links, in denen die wichtigsten Abläufe gezeigt werden. Zusätzlich sind zahlreiche Fotos im Buch, die die trainierten Verhaltensweisen illustrieren.

In unseren heutigen Zeiten, in denen Hunde immer mehr zu geliebten Familienmitgliedern werden, ist es wirklich kaum zu begreifen, warum sie zu so einfachen Dingen wie dem Krallenschneiden nach wie vor so oft gezwungen werden. Obwohl das doch gar nicht nötig ist. Das Buch setzt hier an und zeigt auf, dass es auch ganz anders geht. Eine wirklich runde Sache, wie ich finde. Mit sehr viel Liebe und Verständnis für die vierbeinigen Patienten geschrieben.

(Inga Jung, Mai 2017)

 

 

 

 

 

 

Gewaltfreies Hundetraining – was ist das eigentlich?

 

Wenn man sich so die Websites der Hundeschulen durchliest, scheinen sich irgendwie alle einig zu sein, denn überall liest man es: „gewaltfreies Training“.

Schaut man sich dann aber das Training im Einzelnen an, dann gibt es überhaupt keine klare Linie, jeder hat andere Prinzipien, und manchmal sind sich sogar die Trainer bei ein- und derselben Hundeschule nicht einig, wie das Hundetraining zu erfolgen hat. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass das Wort „Gewalt“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.

Was ist das überhaupt: „Gewalt“? Wie definiert man das?

Klar, bei Stachelwürger und Elektroschocker sind die Grenzen ziemlich klar definiert: Die sind nicht nur extrem gewalttätig, sondern ihr Einsatz ist hier bei uns glücklicherweise auch verboten. Aber es gibt noch viel mehr Formen von Gewalt, und nur weil eine Hundeschule sich an die gesetzlichen Vorschriften hält, arbeitet sie noch lange nicht gewaltfrei.

Es gibt zum Beispiel sehr subtile, nach außen ganz unschuldig aussehende „Erziehungsgeschirre“ und „-halsbänder“ im Stil des gefürchteten „Illusion Collars“ von Hundealptraum Cesar Millan, die im stinknormalen Zoohandel nicht nur an Tierquäler, sondern auch an unerfahrene und leichtgläubige Menschen verkauft werden, die denken, das sei alles gar nicht so schlimm. Und es gibt Trainer, die solchen Leuten diese Mittel sogar empfehlen.

Neben Würgen, Treten, Pieksen und Schlagen, was erstaunlicherweise nicht aus der Mode zu kommen scheint (solche Leute trauen sich allerdings meist nicht, „gewaltfrei“ auf ihre Homepage zu schreiben, weil das dann doch zu offensichtlich gelogen ist), sind seit einiger Zeit auch zahlreiche Formen psychischer Gewalt ganz hoch im Kurs.

Sehr beliebt sind die beiden Maßnahmen Erschrecken und Ausgrenzen. Also auf gut Deutsch gesagt: Mobbing.

Immer dann, wenn Ihr Hund etwas tut, was Sie nicht wollen, oder auch nur dann, wenn Sie glauben, er könnte vielleicht eventuell etwas denken oder vorhaben, was Sie nicht möchten, sollen Sie ihn diesen Empfehlungen zufolge mobben, was das Zeug hält, bis er so eingeschüchtert ist, dass er sich nie wieder traut, auch nur irgendwas zu tun oder zu denken.

Das geht so:

Man bewerfe den Hund mit allem, was einem in die Finger kommt. Am besten aber mit einem Gegenstand, der auch noch ordentlich Krach macht und somit vielleicht auch noch eine schöne Geräusch-Phobie erzeugt. Das ist herrlich effektiv, denn dann muss man in Zukunft vielleicht nicht mal mehr werfen, sondern macht einfach das Geräusch, und der Hund liegt panisch am Boden. Toll!

Man kann den Hund alternativ auch mit einer Wasserflasche aus heiterem Himmel anspritzen. Dafür eignet sich natürlich nicht jede x-beliebige Wasserflasche, denn der Hund soll sich ja nicht über die schöne Abkühlung freuen, sondern sich ordentlich erschrecken. Das Wasser muss also gewehrschussartig verteilt werden können und darf keinesfalls tröpfeln. Hierfür gibt es bestimmte Empfehlungen, die Ihnen einer der „gewaltfreien“ Trainer in Ihrem Ort sicher nennt. Achten Sie gut darauf, dass Ihr Hund auch ordentlich Angst vor Ihnen bekommt, da sonst die Gefahr bestehen könnte, dass er doch noch Vertrauen zu Ihnen aufbaut, und das wollen wir ja um jeden Preis verhindern.

Weiterhin kann man den Hund „vertreiben“, wenn er etwas Unerwünschtes tut. Dafür reicht es aus, wie eine wildgewordene Furie schreiend hinter ihm herzurennen und ihm dadurch unmissverständlich klarzumachen, dass er aus der sozialen Gruppe ausgeschlossen ist und niemals wieder ein weiches Bett oder Futter und Wasser erhalten wird.

Ich muss gestehen, ich habe dieses Vertreiben früher auch angewandt, wenn ich mir nicht anders zu helfen wusste, und es schien auch so, als hätte es gewirkt. Heute sehe ich die Tatsache, dass mein Hund danach mit völlig verstörtem Blick brav neben mir her lief, doch etwas anders. Der Eindruck einer komplett Geistesgestörten, den ich in dem Moment bei ihm hinterlassen haben muss, ist vermutlich niemals wieder aus seinem Gedächtnis zu tilgen und hat mir zahlreiche Misserfolge im späteren Training beschert. Nämlich immer dann, wenn ich meinem Hund vermitteln musste, dass ich Situationen für ihn regele. Wie soll er mir auch vertrauen, wenn ich mich ihm gegenüber schon mal so unberechenbar und irre verhalten habe?

Eine weitere Form des Psychoterrors, der genau wie das Vertreiben auf den Ausschluss aus der sozialen Gruppe abzielt, ist das länger andauernde Ignorieren des Hundes.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wenn mein Hund mich durch aufdringliches Verhalten nervt (und ich definitiv weiß, dass kein dringendes Bedürfnis dahinter steckt), dann ist es absolut in Ordnung, wenn ich ihm durch demonstratives Nichtbeachten aufzeige, dass er damit nicht an sein Ziel kommt. Aber: Das darf niemals länger andauern, sondern muss beendet werden, wenn das unerwünschte Verhalten endet. Und wenn mein Hund dann ein paar Minuten ruhig war, gehe ich zu ihm und lobe ihn für dieses vorbildliche Verhalten, damit er weiß, was ich von ihm erwarte. Denn dieses kurzzeitige Ignorieren soll ja schließlich einen Lerneffekt für den Hund haben und nicht meinen persönlichen Rachegelüsten dienen.

Keinen Lerneffekt hat hingegen das langfristige (oft sogar für mehrere Wochen angeordnete) Ignorieren, das leider von manchen Hundetrainern als „Lösung für alle Probleme“ empfohlen wird. Ignoriere ich meinen Hund länger als das Verhalten, das ich ändern möchte, andauert, dann verwirrt und verängstigt ihn das zutiefst. Denn er hat dann keine Möglichkeit zu verstehen, warum ich ihn auf einmal aus meinem Alltag ausgrenze. Hunde sind sehr soziale Lebewesen, für die die Gemeinschaft mit ihren Menschen das Wichtigste überhaupt ist. Nicht ohne Grund haben so viele Hunde Schwierigkeiten mit dem Alleinsein. Sind wir dann aber endlich wieder vereint, dann möchte der Hund mit uns interagieren, mit uns kommunizieren, mit uns spielen und kuscheln. Er braucht diese Gemeinschaft mit uns so sehr wie Futter, Wasser und einen trockenen Schlafplatz.

Wenn wir ihm die Erfüllung dieses Bedürfnisses verweigern, indem wir ihn längere Zeit ignorieren, und ihm auch jede Chance verwehren, durch eine Verhaltensänderung seinerseits diese Nichtbeachtung zu beenden, dann erfüllt das den Tatbestand der Tierquälerei. Hunde, die so behandelt werden, reagieren zutiefst verstört und verunsichert. Sie geraten in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit, was bedeutet, dass sie keine Möglichkeit haben, einer unangenehmen Situation durch eigenes Tun zu entkommen. Die Folge sind Frustration und Verzweiflung, und auf längere Sicht können sogar Depressionen und schwerwiegende Verhaltensstörungen entstehen.

Wer glaubt, durch ein solches Handeln ein Problem aus der Welt zu schaffen, der irrt gewaltig. Natürlich wird der Hund nach diesem Ignorier-Programm überglücklich sein, wenn man ihn wieder in die Gemeinschaft, aus der man ihn ausgestoßen hatte, integriert und ihm wieder Aufmerksamkeit und Beachtung schenkt. Er wird alles tun, um nicht noch einmal diese Tortur ertragen zu müssen. Aber der Vertrauensverlust ist da, und dieses Loch lässt sich nicht so einfach wieder flicken. Wie soll sich so ein Hund bei seinen Menschen sicher und geborgen fühlen? Wie soll er nach so einem grauenvollen Erlebnis innere Ruhe finden? Man darf sich nicht wundern, wenn nach einer solchen Behandlung Verhaltensprobleme entstehen, die vorher nicht vorhanden waren, denn Psychoterror geht an keinem Lebewesen spurlos vorbei.

Es gibt in der „Szene“ tatsächlich Trainer, die behaupten, alles, was keine körperliche Gewalt ist, sei überhaupt keine Gewalt. Seelische Gewalt existiert in der Welt dieser Menschen nicht. Oder aber es wird gar die Behauptung aufgestellt, dass Hunde untereinander das auch machen, und daher sei das völlig okay. Nun, ich persönlich habe noch niemals gesehen, dass Hunde, die gemeinsam in einer sozialen Gruppe leben und sich mögen, einander ständig verjagen, ignorieren und ausgrenzen. So etwas gibt es nur dann, wenn die Hunde ein Problem miteinander haben und sich nicht leiden können. Und ausgerechnet so eine Konstellation sollten wir ja nun nicht unbedingt als Vorbild für unser Verhalten gegenüber unserem eigenen Familienmitglied nehmen.

Kehren wir noch mal zur körperlichen Gewalt bzw. Strafe zurück, denn auch da gibt es Menschen, die noch im 21. Jahrhundert ernsthaft Argumente pro Gewalt vertreten. Machen Sie hier nicht den Fehler, auf die Hundetrainer hereinzufallen, die sagen: „Wenn mein Hund Aggressionsverhalten zeigt, dann kann ich das nicht auf die sanfte Tour abtrainieren. Da muss ich ihm zeigen, wo der Hammer hängt.“ Denn dabei ist schon allein die Herangehensweise schlicht falsch. Es handelt sich um eine reine Symptombekämpfung: Er zeigt Aggressionsverhalten, also brate ich ihm eins über. Das setzt am falschen Punkt an.

Gutes Hundetraining setzt nicht an den Symptomen an, sondern an den Ursachen. Ich frage nicht: „Was tue ich, wenn der Hund sich so verhält?“ Ich frage: „Warum verhält der Hund sich so? Und was kann ich verändern, damit er gar keine Notwendigkeit mehr sieht, sich so zu verhalten?“ Auch das richtige Timing ist wichtig: Wenn ich weiß, dass mein Hund sich gleich in die Leine werfen und lospöbeln wird, dann warte ich natürlich nicht ab, bis das Unvermeidliche passiert, sondern ich werde vorher aktiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, den Hund in eine positive, entspannte Stimmung zu bringen, bevor er sich in das unerwünschte Verhalten hineinsteigert. Man darf nur nicht immer in den Wenn-Dann-Kategorien denken, sondern muss lernen, vorausschauend zu handeln und flexibel zu agieren, statt immer nur zu reagieren. Und zwar ohne Gewalt.

Unerwünschtes und als störend empfundenes Verhalten entsteht zu 90 Prozent aus Aufregung. Ein völlig tiefenentspannter Hund tut selten etwas Unerwünschtes. Meist sind es doch eher die aufgeregten Verhaltensweisen, die uns ärgern, wie Bellen, Beißen, an der Leine zerren, andere Hunde attackieren, unkontrolliertes Herumspringen etc. Bei all diesen Dingen muss ich mich also fragen: „Warum und worüber regt sich der Hund so auf?“ Und: „Was kann ich tun, um die Situation entspannter zu gestalten, damit gar nicht erst so eine Aufregung entsteht?“ Wenn man in dieser Form an den Ursachen des Verhaltens ansetzt, erübrigt sich häufig weiteres Training sogar, denn die vom Hund als entspannter empfundene Situation bewirkt, dass er sich auch ruhiger verhält und der Mensch kein Problem mehr sieht.

Das Gleiche gilt, wenn ein Hund deshalb unerwünschtes Verhalten zeigt, weil er Schmerzen hat, was übrigens gar nicht so selten der Fall ist. Ohne eine vernünftige Schmerztherapie wird sich auch sein Verhalten nicht wirklich ändern. Auch hier gilt: Setzt man nicht an der Ursache an, sondern bekämpft nur die Symptome, wird man nicht viel erreichen.

Nun gibt es natürlich Ursachen, die man nicht beseitigen kann. Daher sage ich zum Beispiel bei territorialer Aggression gegenüber anderen Hunden, dass hier das Training Grenzen hat. Denn ich kann meinem Hund nicht „abtrainieren“, dass er es als Affront empfindet, wenn ein anderer Hund unerlaubterweise in seinem Revier herumspaziert. Ich kann die Situation aber auch nicht ändern, denn die öffentlichen Wege rund um unser Haus, die mein Hund als sein Revier betrachtet, dürfen von jedem Spaziergänger benutzt werden. Also ist das eine Ursache, die ich nicht abstellen kann.

Hier kommen jetzt besagte Hundetrainer und empfehlen, das Verhalten, dessen Ursache sich nicht beseitigen lässt, einfach durch Gewalt zu unterdrücken. Das mag auch auf den ersten Blick funktionieren. Aber: Ich warne dennoch deutlich davor, denn Gewalt hat immer Nebenwirkungen, die sich vorher schlecht einschätzen lassen.

Beispielsweise kann es sein, dass mein Hund den Leinenruck, den ich einsetze, um ihn vom Bellen abzuhalten, mit dem Anblick des anderen Hundes verknüpft und lernt: „Wenn ein anderer Hund auftaucht, tut das weh.“ Durch diese Fehlverknüpfung schaffe ich mir ein Problem, denn mein Hund wird in Zukunft vermutlich nicht mehr nur in seinem eigenen Revier aggressiv auf andere Hunde reagieren, sondern auch auf neutralem Gebiet, wo er früher verträglich war. Denn andere Hunde werden durch diese Erfahrung für ihn generell zu einer Bedrohung seines Wohlbefindens, die es schnell zu vertreiben gilt.

Genauso kann es sein, dass in dem Moment, in dem ich meinen Hund für das Bellen strafe, ein Kind in seinem Blickfeld auftaucht und er lernt: „Immer wenn ein Kind auftaucht, tut es weh. Kinder sind gefährlich.“ Und schon dehnen sich seine Aggressionen auch auf Kinder aus, obwohl er diese früher neutral gesehen hat.

Das Gleiche kann mit Fahrradfahrern, Skateboardern und allen möglichen auffälligen Personen oder Dingen passieren, die zufällig gerade anwesend sind – einschließlich mir selbst, denn natürlich merkt mein Hund, dass die Gewalt von mir ausgeht, und das zerstört sein Vertrauen in mich.

Und bleiben wir noch mal beim Leinenruck: Wenn ich an der Leine rucke, um meinen Hund zu strafen, dann kann das zu schmerzhaften Muskelverspannungen oder sogar Schäden an Kehlkopf und Halswirbelsäule führen. Und wie wir alle aus Erfahrung wissen, sind solche Schmerzen im Hals- bzw. Nackenbereich nicht gerade Stimmungsaufheller. Unser Hund hat also unter Umständen Schmerzen und ist deswegen noch grantiger als sonst. Er zeigt wieder Aggressionen, ich rucke wieder an der Leine. Die Schmerzen werden schlimmer. Er zeigt deshalb wieder Aggressionen, ich rucke wieder an der Leine. Die Schmerzen werden schlimmer …

Merken Sie’s? Das ist ein Teufelskreis, den wir uns selbst geschaffen haben. Und das auch noch völlig unnötig, denn es gibt so viele Möglichkeiten, eine Verhaltensänderung ohne Gewalt zu erreichen. Ein bisschen Kreativität ist dabei durchaus hilfreich, denn nicht jeder Hund ist gleich. Aber es gibt inzwischen viele gute und auch wirklich gewaltfrei arbeitende Trainer und auch viele gute Bücher zu dem Thema. Man ist nicht mehr allein auf weiter Flur und hat nicht mehr wie in den 1980ern nur den Schäferhundeverein um die Ecke als Orientierung, es gibt heutzutage viel mehr Möglichkeiten. Man muss sich nur umsehen und informieren.

Und haben Sie den Mut, für Ihren Hund einzustehen und laut und deutlich „nein“ zu sagen, wenn ein Trainer Sie zu etwas überreden will, was Ihnen nicht behagt. Ihr Hund ist Ihr Schützling, sein Wohlergehen liegt ganz allein in Ihrer Hand. Und Sie wissen ja, wie es bei Spiderman schon so treffend hieß: Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.

(Inga Jung, April 2017)

 

 

 

 

 

 

Ist mein Hund wirklich glücklich?

Hund zu sein ist in unserer Gesellschaft schwierig geworden. Die Erwartungen an unsere „modernen“ Hunde sind immens. Und wenn die Menschen dann auch noch veralteten Erziehungsratschlägen, wie z.B. den längst überholten Rangordnungsmodellen, folgen, dann verstehen unsere armen Hunde schnell die Welt nicht mehr. Es ist oft ein schmaler Grat zwischen geliebtem Haustier und gequälter Seele. Und die Menschen scheinen in vielen Fällen noch nicht einmal zu merken, was sie ihrem Hund antun.

Überprüfen wir doch mal ganz ehrlich und selbstkritisch unsere eigene Erwartungshaltung an unseren Hund. Wie wünschen wir uns unseren Hund? Wie soll er sein? Wie soll er sich verhalten? Wie viel Freiheit gestehen wir ihm zu?

Häufig höre ich dann Antworten wie: „Mein Hund darf sehr viel, aber das muss er schon können und hier muss er sich so verhalten und dort darf er natürlich nicht …“ Und schon hat man wieder eine ellenlange Liste von Einschränkungen, Ge- und Verboten und absoluten Tabus. Das ist leicht verständlich, denn es sind nicht nur unsere eigenen Erwartungen, sondern es lastet auch ein gesellschaftlicher Druck auf uns Hundehaltern. Da müssen wir uns anpassen. Und das ist ja auch richtig so.

Ich möchte nur davor warnen, hier einen ungesunden Perfektionismus zu entwickeln und dem Hund Dinge abzuverlangen, die er gar nicht leisten kann. Es geht nicht nur um uns. Wichtig ist nicht nur das, was wir uns von unserem Hund wünschen. Wir müssen uns auch fragen, was sich unser Hund von uns wünscht. Versetzen wir uns doch mal in seine Lage. Aus seiner Sicht ist unsere Welt unfassbar kompliziert und unverständlich. Er braucht unsere Anleitung und unseren Schutz, um zurechtzukommen.

Ich selbst war früher auch so ein Mensch. Als ich meinen ersten Hund hatte, da habe ich immer die Menschen bewundert, die mit ihrem unangeleinten Hund durch die Stadt liefen, denen der Hund problemlos frei durch das dichteste Menschengetümmel folgte und selbst an stark befahrenen Kreuzungen absolut verlässlich zu sein schien. Und ich sage bewusst „zu sein schien“, denn inzwischen habe ich tragischerweise genug solche Hunde gesehen, die unter einem Auto gelandet sind, weil die absolute Verlässlichkeit einfach ein Trugschluss ist. Es braucht nur einen kleinen Reiz wie ein Eichhörnchen auf der anderen Straßenseite oder eine Handbewegung des Menschen, die der Hund falsch als Signal zum Loslaufen gedeutet hat, und schon ist das Unglück passiert. Womit wir wieder bei Menschen wären, die von ihrem Hund einfach zu viel verlangen. Und auch wieder bei meinem eigenen Beispiel.

Damals habe ich mir immer gesagt, beim nächsten Hund wird alles anders. Und als ich dann endlich meinen nächsten eigenen Hund bekam, da wollte ich, dass dies der perfekte Hund wird. Ich bin damals für mein heutiges Empfinden sehr hart mit meinem Hund umgegangen. Geblendet von den gängigen Rangordnungstheorien und geleitet von dem Gedanken, mein Hund müsse mich überallhin begleiten, habe ich überhaupt nicht erkannt, was für eine zarte, empfindsame Seele da an meiner Seite war. Viele Wünsche meines Hundes habe ich unterdrückt, weil sie nicht zu meiner Vorstellung passten. Ich habe sogar körperliche Maßregelungen wie den Schnauzgriff angewandt, und das bei einem Hund, dessen Welt schon zusammenbricht, wenn man ihn nur einmal mit einem tadelnden Blick ansieht. Etwas, das ich mir nie verzeihen werde.

Wie konnte ich nur so dumm und blind sein? In meinem egoistischen Bestreben, den perfekten Hund zu bekommen, habe ich gar nicht bemerkt, dass dieses liebevolle, zarte, harmoniesüchtige Wesen bereits von dem Moment seiner Geburt an absolut perfekt war.

Heute läuft es anders bei uns. Bevor ich meine Hunde auf einen Ausflug mitnehme, überlege ich mir, ob sie dabei auch Spaß haben, oder ob sie vielleicht glücklicher wären, wenn ich sie zu Hause lasse.

Ich gehe einzeln mit meinen sehr unterschiedlichen Hunden spazieren, weil sie beide zufriedener sind, wenn ich ganz auf ihre Bedürfnisse eingehen kann und sie nicht jeden Tag Kompromisse machen müssen. Das ist anstrengend für mich, aber es ist auch wunderschön, weil ich so die Möglichkeit habe, mich täglich intensiv mit den Hunden einzeln zu befassen, was bei einem gemeinsamen Spaziergang nicht machbar wäre.

Ich freue mich darüber, dass meine inzwischen alte Hündin ihre Meinung äußert und mir zeigt, auf welchem Spazierweg sie heute Gassi gehen möchte und wo nicht. Und mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie glücklich sie ist, weil ich auf sie achte und ihren Wünschen folge. Das ist eine Erfahrung, die sie als junger Hund nie machen durfte.

Es geht mir nicht mehr darum, was ich gerne möchte, und vor allem geht es mir nicht mehr um das, was andere von mir und meinem Hund denken. Es geht mir nur noch um das Glück meiner Hunde, auch wenn das für mich manchmal anstrengend ist.

Das heißt natürlich nicht, dass meine Hunde tun und lassen dürfen, was sie wollen. Sobald sie sich selbst oder andere in Gefahr bringen könnten oder sich auch nur jemand von ihnen belästigt fühlen könnte, greife ich selbstverständlich ein und nehme sie an die Leine. Auch der zuverlässige Rückruf ist wichtig, um Gefahren abzuwenden. Aber ich stelle keine unnötig hohen Anforderungen mehr an meine Hunde. Sie müssen nichts tolerieren, was sie nicht wollen. Ich verlange zum Beispiel nicht von ihnen, dass sie still stehen und sich von einem Fremden streicheln lassen, nur weil ich das gerade möchte. Ich weiß, dass meine Hunde das beide nicht gern mögen, und dann haben sie auch absolut das Recht, es zu verweigern. Ich will schließlich auch nicht von jedem Fremden angefasst werden, also warum sollte ich von meinen Hunden etwas verlangen, was ich selbst noch nicht einmal tun würde.

Die Augen geöffnet hat mir im Grunde unsere Hündin Luzi, die einen sehr speziellen, anstrengenden, aufbrausenden Charakter hat und anfangs auch sehr unsicher war. Mit ihr war von Anfang an nichts von all dem, was ich mit meiner älteren Hündin gemacht habe, möglich. Kneipenbesuche, Einkaufsbummel, Begegnungen mit fremden Menschen – alles absolut unvorstellbar. Ich musste all meine Ansprüche auf null herunterschrauben.

Es ist erstaunlich, wie es den eigenen Blickwinkel verändert, wenn man mit einem Hund unterwegs ist, bei dem man schon froh ist, wenn er einen Passanten, der ihn im Vorbeigehen kurz angeschaut hat, nicht sofort angreift. Mir wurde erst im Alltag mit Luzi klar, wie viel ich von meinem anderen Hund verlangt hatte. Und dass es keinesfalls selbstverständlich ist, dass ein Hund in unserer verwirrenden, aufregenden modernen Welt zurechtkommt, ohne durchzudrehen.

Durch diese Veränderung meines Blickwinkels habe ich auch die Anforderungen an meinen anderen Hund zurückgedreht, ihm mehr Freiheiten gelassen und weniger von ihm verlangt. Ihn nicht mehr überallhin mitgenommen und ihm mehr Halt gegeben. Und siehe da, er wurde auf einmal viel fröhlicher, alberner, verspielter, und das bis ins hohe Alter. Es tat ihm gut, diese Last nicht mehr tragen zu müssen. Wäre mir das nur vorher schon aufgefallen, dann hätte ich ihm einiges erspart.

Wir müssen unsere egozentrische Weltsicht, die für uns Menschen so typisch ist, überdenken. Wir müssen anfangen, uns wirklich ehrlich zu fragen, ob wir nicht zu viel von unseren Hunden wollen. Ob sie nicht glücklicher wären, wenn wir ihnen einfach mehr Schutz und Geborgenheit bieten und nicht ständig das Unmögliche von ihnen fordern. Wir müssen uns in unsere Hunde hineinversetzen und die Welt aus ihrem Blickwinkel betrachten.

Und ist es wirklich notwendig, dass unser Hund uns überallhin begleitet? Ich denke, er wäre manchmal vielleicht doch zufriedener, wenn er zu Hause auf dem Sofa in aller Ruhe ein Schläfchen machen und darauf warten dürfte, dass seine Menschen vom Stadtfest, das sie ohne ihn besucht haben, zurückkehren.

Muss ein Hund es erdulden, dass sich eine ganze Kindergartengruppe schreiend um ihn schart und lauter klebrige, kleine Hände ihn anfassen? Auch wenn das für die Kinder sicherlich eine pädagogisch wertvolle Erfahrung ist – ich möchte in so einer gruseligen Situation nicht in der Haut dieses Hundes stecken.

Unsere Hunde haben nicht die Wahl. Sie sind unseren Entscheidungen ausgeliefert. Es liegt in unserer Verantwortung, sie vor Überforderung zu schützen und ihnen nicht zu viel zuzumuten.

(Inga Jung, März 2017)