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Der Hund als Beziehungscoach

 

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, warum zwischen uns Menschen häufig alles so kompliziert ist, während die Kommunikation mit Hunden immer geradlinig, offen und einfach abläuft. Ich denke, wir können von den Tieren sehr viel lernen. Wer mit einem Hund zusammenlebt – vielleicht sogar mit Hunden aufgewachsen ist – und sich wirklich auf das Tier und seine Bedürfnisse einlässt, der lernt vor allem eines: Rücksicht zu nehmen und seinen Emotionen nicht immer freien Lauf zu lassen.

Denn Hunde – und sicherlich auch Katzen, Pferde und viele andere Haustiere – werden durch plötzliche Wutausbrüche enorm verunsichert. Auch wenn sie gar nicht gemeint sind, sondern zum Beispiel das Fahrrad, bei dem zum zehnten Mal an diesem Tag die Kette abgesprungen ist, beziehen Hunde einen Wutausbruch ihres Menschen oft auf sich und bekommen Angst. Ebenso hat mir mal einer der Besucher meiner Vorträge erzählt, dass sein Hund sich jedes Mal ängstlich versteckt, wenn der Mensch beim Fußballgucken im Wohnzimmer urplötzlich in Jubelgeschrei ausbricht. Der Hund hat natürlich keine Ahnung, was auf einmal das Gebrüll verursacht hat, und versteht die Welt nicht mehr.

Da Hunde ihre Emotionen sofort in ihrem Verhalten spiegeln und auf unser Verhalten reagieren, können wir einschätzen, was ihnen Angst macht oder sie verunsichert. Und wir lernen Rücksicht zu nehmen, unsere Gefühlsausbrüche zu kontrollieren und weniger heftig zu agieren. Wir lernen, unseren Verstand zu benutzen, bevor wir völlig kopflos auf das kaputte Fahrrad einbrüllen. Und wer das gelernt hat, der hat auch in zwischenmenschlichen Beziehungen einen riesigen Vorteil.

Denn wie oft höre ich, dass die Gründe für Beziehungsfrust beispielsweise darin liegen, dass einer der Partner sich wie der emotionale Mülleimer des anderen fühlt, in den am Ende eines Tages aller Ballast der Arbeitswelt entladen wird – na, vielen Dank.

Oder es ist die fehlende Kritikfähigkeit, die Freundschaften zerbrechen lässt. Auch hier helfen uns die Tiere, indem sie uns zeigen, wenn sie mit unseren Handlungen nicht zurechtkommen. Wir lernen, unser Verhalten zu ändern, um besser miteinander klarzukommen. Und vor allem lernen wir, aufgeschlossen zu sein und hinzusehen, um überhaupt mitzubekommen, wenn unser Tier sich im Umgang mit uns nicht wohlfühlt. Wir lernen, unser eigenes Tun zu hinterfragen und offen für Anregungen zu sein.

Weiterhin ist der offene Umgang mit Problemen ein Thema, bei dem wir viel von unseren Tieren lernen können. Tiere zeigen uns in ihrem Verhalten sehr schnell, dass sie ein Problem haben. Auch wir sollten unseren Freunden gegenüber offen sein und Probleme zur Sprache bringen, statt ihnen wochenlang vorzuspielen, dass gar nichts sei. Denn im Zweifel glauben sie uns das, bis dann irgendwann aus dem Nichts das große Donnerwetter kommt.

Zickige Reaktionen nach dem Motto „Wenn du nicht weißt, was mein Problem ist, dann lass es einfach“ bringen niemanden weiter. (Und bevor hier jetzt einer anfängt zu lästern, das sei eine reine Frauensache: Ich kenne eine Menge Männer, die genauso sind. Also bitte keine Pauschalisierungen.) So eine Aussage ist unfair dem anderen gegenüber, denn er bekommt keine Chance, sein Verhalten zu überdenken und zu ändern – und es ist sehr menschlich. Ein Hund würde nie auf die Idee kommen, uns so eine Maskerade vorzuspielen.

Wir dagegen erwarten manchmal von unserer gesamten Umgebung – zwei- oder vierbeinig – dass sie unsere Gedanken lesen und uns unsere Gefühle an der Nasenspitze ansehen müsse. So einfach ist es leider nicht. Lernen wir doch von unseren Tieren, nehmen wir unseren Hund wirklich mal als Beziehungscoach wahr. Schauen wir uns an, wie er es macht, und seien wir einfach mal offen und ehrlich zu unseren Freunden. Transparenz kommt gut an, denn das macht es dem anderen schlicht und einfach leichter. Unsere Hunde zeigen uns genau, wie es geht.

(Inga Jung, Januar 2014

Partnerschaft statt Kadavergehorsam

Als Hundetrainer lernt man viele unterschiedliche Menschen und ihre Hunde kennen, und es ist immer wieder spannend, das Zusammenspiel und die Dynamik des jeweiligen Mensch-Hund-Teams zu sehen. Dabei ergeben sich viele interessante, schöne und zuweilen auch kuriose Erlebnisse.

Hin und wieder kommt es vor, dass mich Menschen um meine Einschätzung bitten, weil sie der Meinung sind, ihr Hund sei fürchterlich stur. Ich bin immer gerne bereit, mir diese vermeintliche Sturheit einmal anzuschauen, denn jeder Hund ist anders und es gibt so viele verschiedene Charaktere, dass auch ich mich gern von neuen individuellen Ideen der Hunde überraschen lasse.

Wir sind also gemeinsam auf einem Spaziergang unterwegs und der Hundebesitzer verlangt von seinem Hund innerhalb einer knappen Stunde etwa dreißigmal in verschiedenen Situationen sich hinzusetzen. Der Hund wird immer zögerlicher und stellt am Ende seine Ohren komplett auf Durchzug – meiner Ansicht nach die erste sinnvolle Aktion, die ich auf diesem Spaziergang gesehen habe. Nun schaut mich der Hundebesitzer triumphierend an und meint: „Sehen Sie! Total stur!“

Auf meine vorsichtige Frage hin, warum der Hund sich denn andauernd setzen soll, schaut man mich zunächst völlig verständnislos an. Dann erhalte ich die Antwort, man habe in der Hundeschule gelernt, dass ein Hund sich an jedem Bordstein, an jeder Einfahrt, an jeder Ecke und zu zig anderen Gelegenheiten grundsätzlich hinzusetzen habe – selbstverständlich bei Regen, bei Schnee, im Matsch und bei allen sonstigen Wetterlagen.

Das reicht mir aber nicht als Erklärung und ich frage, wo denn der Sinn dahinter sei. Denn an der Straße hält ein vernünftiger Mensch seinen Hund ohnehin immer an der Leine, und dann genügt es doch, wenn er am Bordstein und an Einfahrten stehen bleibt. Hinsetzen ist eigentlich unnötig, erst recht bei der aktuellen ungemütlichen Wetterlage.

Und still und heimlich denke ich mir noch: Wenn ich ein Hund wäre, hätte ich vermutlich weniger Geduld mit meinem Menschen als dieses Exemplar hier, und ich würde schon nach dem zweiten sinnlosen Sitz-Kommando einen plötzlichen Anfall von Taubheit simulieren …

Daraufhin starrt man mich nur an. Ja, darüber hätte man noch gar nicht nachgedacht.

Ich finde es natürlich schön, wenn sich solche Verständigungsprobleme zwischen Hund und Mensch so einfach aufklären lassen und ich dazu beitragen kann, dass beide sich ein wenig besser kennenlernen. Aber doch machen mich solche Begebenheiten auch oft nachdenklich, denn ist es nicht bedenklich, dass in dieser Zweierkonstellation der Hund derjenige ist, der die Dinge kritisch sieht? Sollte es nicht eigentlich Aufgabe des Menschen sein, Verantwortung zu übernehmen und nicht alles unkritisch zu glauben, sondern sich eine eigene Meinung zu bilden?

Am schlimmsten finde ich es immer, wenn ich sehe, wie bei eiskalten Temperaturen sogar Hundesenioren, die ganz offensichtlich arge Gelenkschmerzen haben, noch eisern an jeder Straße gezwungen werden sich hinzusetzen. Wie unreflektiert und gefühlskalt kann man als Hundebesitzer sein, wenn man das vor Schmerzen angestrengte Gesicht des alten Hundes ignoriert und von ihm weiterhin alle paar Minuten ein Sitz verlangt, nur weil man das schließlich immer so gemacht hat?

Ich kann nur allen Hundebesitzern raten, nicht alles zu glauben, was sie lesen, im Fernsehen sehen oder auf der Hundewiese hören, sondern sich Gedanken zu machen, ob diese Erziehungstipps wirklich sinnvoll sind und ob sie ihrem Hund guttun. Das gilt natürlich vor allem für jede Form von Gewalt in der Hundeerziehung, die in aller Regel völlig unnötig ist. Aber es kann auch schon bei einem einfachen „Sitz“ anfangen.

Unsere Hunde sind Hunde und keine Soldaten. Sie müssen nicht jedem noch so sinnlosen Kommando gehorchen, sondern sie haben das Recht, auch mal zu protestieren. Wir alle wollen intelligente Hunde haben, aber wir ärgern uns, wenn sie ihre Intelligenz unter Beweis stellen. Wir sollten uns überlegen, was uns wichtig ist: Wollen wir einen Hund, der sich verhält wie eine Maschine? Oder wollen wir ein Lebewesen, das Gefühle zeigt, das aber auch einen eigenen Willen und manchmal wirklich überraschende eigene Ideen hat? Letzteres ist es doch, was die eigentliche Faszination am Leben mit dem Hund ausmacht. Wenn unsere Hunde keine Macken und keine lustigen Einfälle hätten, sondern immer nur nach unserer Pfeife tanzen würden, hätten wir doch nur halb so viele tolle Geschichten über sie zu erzählen.

(Inga Jung, Januar 2014)

Kurs Verstehen wir uns richtig? Die häufigsten Missverständnisse zwischen Mensch und Hund

Manchmal ist es wirklich zum Haareraufen: „Der Hund weiß doch, was das Kommando Sitz bedeutet, und trotzdem setzt er sich nicht hin. Im Gegenteil, je lauter ich werde, desto weniger will er gehorchen. Das macht der doch mit Absicht!“

Tut er das wirklich? – Nein, ganz sicher nicht.

Aber wie kommt es dann, dass er sich in dieser Situation nicht hinsetzt, obwohl er das Kommando doch eigentlich gut gelernt hat?

Warum fressen manche Hunde alles, was in der Wohnung an Fressbarem herumliegt, und scheinen einfach nicht zu lernen, dass das verboten ist?

Warum stürzt Nachbars Waldi sich auf unseren Hund, obwohl er doch gerade eben noch mit dem Schwanz gewedelt hat?

Diesen und vielen weiteren Fragen rund um das Zusammenleben von Hund und Mensch möchte ich in diesem Kurs zum Thema Hundeverhalten und Kommunikation zwischen Mensch und Hund in der VHS Melsdorf gemeinsam mit den Teilnahmern auf den Grund gehen. Dabei sollen sich die Kursteilnehmer ein bisschen in die Welt des Hundes hineindenken und sich in seine Lage versetzen, um sein Verhalten besser verstehen und deuten zu können.

Ort: Volkshochschule Melsdorf

Dozentin: Inga Jung, Hundeverhaltensberatung

Termin: Freitag, 11. April 2014, 17 bis 19 Uhr
Kursgebühren: 8 Euro

Anmeldung ab sofort hier online möglich